Coach-Wechsel im AVGS-Gründungscoaching: Sinnvolle Reißleine oder Flucht vor der Wahrheit?
Ein Coach-Wechsel im AVGS-Gründungscoaching ist erlaubt – aber in rund 80 Prozent der Fälle keine gute Idee. Wann ein Wechsel wirklich Sinn ergibt und wann er Ausdruck einer Konfliktvermeidung ist, die am Markt teuer wird.
Stand: 1.8.2026
Wer über einen AVGS (Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein) den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, steht vor einer Vielzahl von Entscheidungen. Eine der ersten und sensibelsten ist die Zusammenarbeit mit dem Gründungscoach. Doch was passiert, wenn es im Coaching knirscht? Wenn das Gefühl entsteht: „Das passt einfach nicht"?
Grundsätzlich ist ein Coach-Tausch ein völlig normaler Vorgang. Mehr noch: Aus Sicht von Peter Saubert ist die Entscheidung, den Coach zu wechseln, oft eine der allerersten echten Personalentscheidungen, die ein junger Unternehmer überhaupt trifft.
Die Quintessenz dazu lautet: Man kann den Coach austauschen – aber nur, wenn es wirklich triftige Gründe gibt.
Die Erfahrung zeigt jedoch ein anderes Bild: Rund 80 % der beantragten Coach-Wechsel basieren auf persönlichen Befindlichkeiten. Und genau die muss man als Unternehmer schlichtweg aushalten lernen.
„Die Chemie stimmt nicht" – oft nur eine Ausrede
Der Satz „Die Chemie stimmt nicht" fällt erstaunlich oft. Doch was bedeutet er in der Praxis? Meistens ist er ein Euphemismus für: „Ich möchte nicht genau sagen, woran es liegt" oder „Der Coach spricht Wahrheiten aus, die mir wehtun."
Ein Gründungscoach ist nicht dafür da, Ihnen nach dem Mund zu reden oder einfach nur stur einen Businessplan abzuhaken. Viele Gründer haben noch nicht verinnerlicht, dass der Businessplan nur das Ergebnis eines Prozesses ist. Der eigentliche Zweck des Coachings ist es, zu lernen, wie man wie ein Unternehmer denkt und handelt. Und dazu gehört es, unbequeme Realitäten zu akzeptieren.
Warum Gründungsideen „kaputtgemacht" werden müssen
Besonders häufig tritt der Wunsch nach einem Wechsel bei Gründern auf, die eine feste Idee haben und panische Angst davor verspüren, dass man ihnen diese Idee nimmt.
Dabei ist die Gründungsphase genau dafür da: Ideen müssen auf den Prüfstand gestellt, hinterfragt und metaphorisch „kaputtgemacht" werden. Nur wenn ein Konzept aus verschiedenen Blickwinkeln attackiert wird und der Gründer es danach stabiler und marktgerechter wieder aufbaut, hat das Unternehmen eine reale Überlebenschance.
Peter Saubert erinnert sich in diesem Zusammenhang an eine klassische Geschichte aus seiner Beratungspraxis:
:::pullquote[Peter Saubert|Unternehmensberater, Gründungscoach] Ein Gründer stellte mir stolz sein Konzept vor. Ich gehörte exakt zu seiner Zielgruppe. Doch auf drei ganz normale Fragen, die jeder typische Kunde stellen würde, hatte er keine Antwort. Statt die Fragen als Arbeitsauftrag für das Coaching zu sehen, war seine Reaktion: „Der Coach versteht meine Idee nicht und will sie mir nur madig machen." Der Gründer suchte Bestätigung statt Beratung. Das Ende vom Lied? Das Unternehmen startete am Markt – und verschwand kurz darauf wieder. Gescheitert ist es exakt an den drei Fragen, die im Vorfeld nicht beantwortet werden wollten. :::
Den Gründungscoach für „zu doof" zu erklären, nur weil er kritische Fragen stellt, ist ökonomisches Harakiri. Wenn Ihr Konzept wirklich so gut ist, dann müssen Sie es auch gegen die Argumente Ihres Coachs verteidigen können. Wenn Sie potenziellen Kunden eine halbe Stunde lang Ihr Produkt erklären, aber kein echtes Kaufargument ankommt, liegt das Problem nicht beim Zuhörer.
Wann ein Coach-Wechsel tatsächlich Sinn macht
Es gibt sie natürlich, die triftigen Gründe für einen Wechsel. Ein Tausch ist dann absolut gerechtfertigt und sinnvoll, wenn:
- Es rein menschlich absolut nicht funktioniert: Wenn die Kommunikation komplett blockiert ist und kein professionelles Arbeiten mehr möglich ist – wobei auch hier genau geprüft werden sollte, ob es an der Persönlichkeit oder am Inhalt liegt.
- Ein Spezialgebiet gefordert ist: Wenn Coach und Gründer gemeinsam feststellen, dass das Vorhaben in eine so spezifische oder fachfremde Nische abdriftet, dass ein anderer Experte an der Seite des Gründers mehr Mehrwert stiften kann.
Fazit: Wer der Wahrheit ausweicht, sollte nicht gründen
Nutzen Sie die Möglichkeit eines Coach-Wechsels im AVGS-Verfahren, wenn es fachlich oder strukturell notwendig ist. Nutzen Sie sie aber niemals, um unbequemen Wahrheiten aus dem Weg zu gehen.
Wer die Kritik eines Coachs im geschützten Raum nicht aushält, wird am freien Markt gnadenlos scheitern. Denn der Markt stellt diese unangenehmen Fragen jeden Tag – und korrigiert Fehler nicht mit Feedback, sondern mit Insolvenz. Wenn Sie den kritischen Diskurs scheuen, lautet die harte, aber ehrliche Alternative: Gründen Sie lieber gar nicht.
Häufige Fragen
Was kostet mich ein Wechsel des Gründungscoaches?
Für den Gründer selbst ist ein Tausch in der Regel kostenlos, da die Kosten über den AVGS abgedeckt sind. Der administrative Aufwand und der Zeitverlust sind jedoch nicht zu unterschätzen. Ein Wechsel aus den falschen Gründen kostet wertvolle Zeit und kann den Gründungsprozess unnötig verzögern.
Mein Coach stellt meine gesamte Geschäftsidee infrage. Ist er der Falsche für mich?
Nicht zwangsläufig. Die Aufgabe eines guten Coaches ist es, Ihre Idee einem Stresstest zu unterziehen und sie aus allen denkbaren Winkeln zu hinterfragen. Dieses „Kaputtmachen“ des ersten Konzepts dient dazu, es stabiler und marktreif wieder aufzubauen. Betrachten Sie seine Kritik als wertvollen Beitrag, nicht als Angriff.
Welche Gründe sind für einen Coach-Wechsel wirklich sinnvoll?
Ein Wechsel ist dann gerechtfertigt, wenn eine professionelle Zusammenarbeit nachweislich unmöglich ist, etwa durch komplett blockierte Kommunikation. Ein weiterer triftiger Grund liegt vor, wenn sich das Gründungsvorhaben in eine derart spezifische Nische entwickelt, dass ein anderer Experte nachweislich mehr Fachwissen einbringen kann.
Reicht „die Chemie stimmt nicht“ als Begründung für einen Wechsel?
In der Praxis ist das selten ein ausreichender Grund. Diese Aussage verschleiert oft, dass der Coach unbequeme Wahrheiten anspricht, die der Gründer nicht hören möchte. Als Unternehmer müssen Sie lernen, sachliches Feedback von persönlicher Antipathie zu trennen und auch harte Kritik auszuhalten.
Wie gehe ich praktisch vor, wenn ich den Coach wechseln möchte?
Der erste Ansprechpartner ist der Bildungsträger, mit dem Sie den Vertrag für das Coaching geschlossen haben. Schildern Sie dort sachlich und faktenbasiert Ihre Gründe. Ein professionell vorgetragener Wunsch, der auf fachlichen oder unüberbrückbaren persönlichen Differenzen beruht, hat die besten Aussichten auf Erfolg.
Verliere ich durch einen Wechsel wertvolle Zeit von meiner AVGS-Maßnahme?
Ja, ein Wechselprozess kann bewilligte Coachingstunden verbrauchen, da die Administration und die Einarbeitung eines neuen Coaches Zeit kosten. Daher sollte die Entscheidung wohlüberlegt sein. Ein fachlich notwendiger Wechsel kann am Ende Zeit sparen, während ein Tausch aus Bequemlichkeit ein reiner Zeitverlust ist.
Glossar
- AVGS (Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein)
- Ein Förderinstrument der Agentur für Arbeit oder des Jobcenters, das berechtigten Personen die kostenlose Teilnahme an Maßnahmen zur beruflichen Eingliederung ermöglicht. Dazu gehört auch das hier beschriebene Gründungscoaching.
- Gründungscoaching
- Eine professionelle Begleitung für Gründerinnen und Gründer auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Der Coach agiert als Sparringspartner, hinterfragt das Geschäftsmodell und hilft bei der Erstellung des Businessplans sowie der Vorbereitung auf den Markteintritt.
- Businessplan
- Ein schriftliches Dokument, das die Geschäftsidee, die Ziele, die Strategien, die Finanzplanung und die Marktanalysen eines Gründungsvorhabens detailliert darlegt. Er ist die zentrale Grundlage für die Beantragung von Krediten oder Fördermitteln wie dem AVGS.
- Zielgruppe
- Diejenige Gruppe von potenziellen Kunden, deren Bedürfnisse und Probleme ein Unternehmen mit seinem Angebot gezielt ansprechen möchte. Eine genaue Definition der Zielgruppe ist entscheidend für den Erfolg von Marketing und Vertrieb.
- Insolvenz
- Die Unfähigkeit eines Unternehmens, seinen fälligen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Umgangssprachlich wird dies oft als Pleite oder Konkurs bezeichnet und führt in der Regel zur Abwicklung und Auflösung des Unternehmens.